Klassenerhalt fix – und nach oben alles offen

Es gibt Mannschaftskämpfe, die fühlen sich schon beim Ankommen nach einem guten Tag an. Nicht, weil man irgendwen unterschätzt, sondern weil die Dinge irgendwie stimmen: volle Aufstellung, gute Stimmung, konzentrierte Gesichter, ein entsetzlich dämliches Spiellokal – und dieses leise Gefühl von „Heute können wir was holen“. Genau so begann unser Kampf gegen die Schachgemeinschaft Leipzig 3. Und am Ende saßen wir gemeinsam in der Gaststätte, glücklich, erleichtert und mit einem Ergebnis, das nicht nur ein Sieg ist, sondern ein richtig wichtiger Schritt in dieser Saison.

Wir waren nämlich in Vollbesetzung da: Krzysztof an Brett 1, ich (Markus) an Brett 2, Bernd an Brett 3, Kevin an Brett 4, Migu an Brett 5, Frank an Brett 6, Kai an Brett 7 und Schöni an Brett 8. Leipzig dagegen musste ordentlich improvisieren – und das zeigte sich sofort: Sie kamen nur mit sieben Spielern.

Und damit passierte etwas, das sich im ersten Moment fast falsch anfühlt: Mein Brett blieb frei.
Kampflos gewonnen. Ein Punkt, den man nicht „erspielt“, sondern bekommt – und ja, ich gebe zu: Ich hätte natürlich lieber gespielt. Aber ganz ehrlich? Für die Mannschaft nimmt man so einen Punkt gern mit. Gerade in einer Liga, in der am Ende manchmal ein halber Brettpunkt über Wohl und Wehe entscheidet, ist so ein Geschenk kein Grund zu falscher Bescheidenheit. Der Punkt stand – und damit hatten wir schon früh einen kleinen Puffer.

Während ich also plötzlich nicht selbst kämpfen musste, konnte ich mich voll aufs Beobachten, Einordnen und gelegentliche Beruhigen konzentrieren. Und relativ schnell zeigte sich: Wir standen insgesamt gut. Nicht überall glasklar gewonnen, aber an vielen Brettern so, dass man das Gefühl hatte: Wir haben das im Griff.

Kevin an Brett 4 war einer der ersten, bei dem sich das Bild abzeichnete: eine ausgeglichene Stellung, wenig Risiko, beide Seiten solide. Sein Gegner bot Remis an – und nach kurzer Absprache und ein bisschen Nachdenken nahm Kevin es an. Jedenfalls zu dem Zeitpunkt, als ihm klar wurde, dass neben ihm nur 6 und nicht 7 Mannschaftskollegen sitzen. Generell sorgte mein spielfreier Punkt für einige Konfusion unter den Leuten, die zu spät gekommen waren ... wie auch immer – es war ein pragmatischer halber Punkt, wie man ihn in einem Mannschaftskampf eben manchmal braucht: nicht spektakulär, aber absolut sinnvoll, wenn das Gesamtbild stimmt.

Am spannendsten war es – wie so oft – vorne. Bei Krzysztof am ersten Brett gab es zwischendurch den einzigen Moment, der so richtig nach „Uff…“ schmeckte. Nach einer richtig guten Eröffnungsphase sah es plötzlich so aus, als hätte er einen Bauern eingebüßt. Aber je länger man hinsah, desto klarer wurde: Das ist kein simples „Bauer weg = verloren“. Es ging in ein Endspiel mit Schwerfiguren, viel Dynamik, vielen kleinen Ressourcen. Und Krzysztof wäre nicht Krzysztof, wenn zum einen die Polen ihre Namen und Begriffe nicht unheimlich kompliziert schreiben würden, aber vor allem, wenn er aus einer unangenehmen Lage nicht wieder ein Brett machen würde, das für den Gegner einfach mühsam zu knacken ist.

Dahinter – und das war für mich eigentlich das Schönste an diesem Tag – spielte die Mannschaft sehr geschlossen und kontrolliert. Kein wildes Überziehen, kein „Ich muss jetzt unbedingt gewinnen und werfe alles“, sondern dieses ruhige: Stellung lesen, Chancen mitnehmen, Risiken vermeiden.

Bernd hatte lange Zeit eine Stellung, die wirklich nach mehr aussah. Da waren Momente, in denen man denkt: „Wenn jetzt der richtige Hebel kommt, dann kippt das.“ Aber am Ende wickelte es sich in ein Endspiel ab, das keine offenen Flanken mehr hatte, kein zweites Angriffsziel, keine echte Durchbruchsidee: Springer und jeweils drei Bauern auf einer Seite. Das ist nicht der Stoff, aus dem Heldensagen werden – aber es ist der Stoff, aus dem man halbe Punkte baut. Remis. Solide. Und im Mannschaftskampf oft genau die richtige Medizin.

 

Das hier war eine spannende Stellung. Als ich am Brett vorbeilief, habe ich mich gefragt, ob b2 nicht einfach gewinnt ... natürlich muss man dabei genau rechnen. b2 wirkt erst einmal wie ein heftiger Gewinnzug, aber dann bemerkt man das Gegenspiel mit Se6+. Aber ganz nüchtern betrachtet wäre eben 1. ... b2 2. Se6+ Kg8 3. Sxf8 Kxf8 der Sieg gewesen, weil Schwarz einfach einen Mr. Hü mehr behält.

Kai ließ seine Partie später ebenfalls in ruhiges Fahrwasser laufen: Remis. Kein Drama, kein Zittern – einfach eine kontrollierte Abwicklung. Damit wurde immer deutlicher: Wir sind heute nicht auf „ein Brett muss retten“, sondern auf „wir ziehen das als Team durch“.

Der Moment, der das Ganze dann richtig in unsere Richtung schob, kam von Frank.
Während an den hinteren Brettern überall kleine Vorteile standen – hier ein aktiverer Turm, da ein angenehmer Mehrbauer, dort bessere Figurenkoordination – war es Frank, der das erste Mal wirklich einen vollen Punkt auf die Anzeigetafel hämmerte. Er wickelte seine Partie ganz unspektakulär mit einem kleinen Vorteil nach dem anderen in einen Gewinn ab.

Und dann kam Migu.

Ich hatte zwischendurch noch ein bisschen Sorge bei ihm, weil er früh viel Zeit verbraucht hatte. Das ist so ein klassisches Gefühl: Stellung okay, aber die Uhr macht einem Bauchschmerzen. Nur: Migu hatte etwas in der Hand, das Zeitnot oft erträglicher macht – eine Qualität mehr. Und er spielte das am Ende genauso, wie man es sich wünscht: ohne Hektik, ohne unnötige Komplikation, einfach Schritt für Schritt. Ganz solide zum Sieg geführt. Kein „Gerade so“, kein „mit Tricks gerettet“, sondern ein sauberer technischer Punkt.

 

Also wenn man Migu eines nicht absprechen kann, dann ist das sein Verständnis für aktive Figuren. Hier kam einfach 1. ... Tcd8!! und Schwarz steht wirklich schon auf Gewinn. Jeder ist eingeladen, den Gewinn selber durchzurechnen, aber Weiß hat hier im Grunde keinen guten Zug mehr.

Damit waren wir bei 4,5 Brettpunkten – und damit stand fest: Der Mannschaftskampf ist gewonnen.
Und noch wichtiger: Der Klassenerhalt ist damit praktisch fix. Diese Saison kann jetzt kommen, was will: Die Sachsenliga bleibt.

Zu diesem Zeitpunkt liefen noch zwei Partien: Schöni am letzten Brett und Krzysztof am ersten. Bei Schöni hatte es zwischendurch nach richtig guten Chancen ausgesehen – Mehrbauer, aktives Spiel, Druck. Man dachte: „Wenn er das durchdrückt, wird’s richtig deutlich.“ Aber Schöni wäre nicht Schöni, wenn er nicht so schön wäre ... dafür aber viele Gewinnstellungen noch vergeigt. Sein Gegner verteidigte sich zäh, fand irgendwann die Ressourcen, und am Ende blieb nur ein Remis. Einer dieser halben Punkte, wo man kurz denkt „da war mehr drin“, aber wo man gleichzeitig weiß: Im Mannschaftsergebnis ist es völlig okay.

Und dann Krzysztof.
Der hatte am Ende dieses Turmendspiel mit einem Bauern weniger – so ein Endspiel, das aus der Entfernung wie „das wird schwer“ aussieht und aus der Nähe wie „hier kann man sich festbeißen“. Und genau das tat er – in einer Partie, in der die heftigen Einsteller nur so durch die Gegend flogen. Er hielt das Ding, nervenstark, konzentriert, bis der Gegner akzeptieren musste: Mehrbauer hin oder her – das ist nicht zu knacken. Remis.

Als der letzte Handshake gemacht war, stand da ein Ergebnis, das sich richtig gut anfühlt:
Zwickauer SC – SG Leipzig 3: 5,5 : 2,5

Und dann kam dieser zweite Teil eines Mannschaftskampfes, den man fast genauso liebt wie das Schach selbst: das Verlassen dieses grotesken Witzes eines Spiellokals und das Zusammensitzen danach. Dieses Nachglühen. Das Lachen, das Analysieren, das „Ach, da hätte ich…“, das „Zum Glück hab ich…“ – und vor allem dieses gemeinsame Gefühl: Wir haben das als Team kontrolliert.

Sachsenliga, wir bleiben! Und vielleicht kommt ja noch mehr raus!

Ja, ein paar Siege wurden verpasst – Bernd hätte vielleicht mehr holen können, Schöni hatte Chancen. Und ich selbst hätte lieber richtig gespielt als kampflos zu gewinnen. Aber genau das macht’s so rund: Es war kein Zufallssieg, kein Chaos, keine Rettung in letzter Minute. Es war ein Tag, an dem wir als Mannschaft stabil waren.

Und das Schönste: Mit diesem Sieg stehen wir nicht nur sicher, wir stehen sogar wieder richtig gut da. Acht Mannschaftspunkte, Platz zwei – und plötzlich ist da wieder diese Perspektive: Wenn gegen Hoyerswerda ein gutes Ergebnis kommt, dann geht’s nicht nur ums Drinbleiben. Dann haben wir jede Chance auf einen richtig guten Tabellenplatz.

Wie es am Ende der Saison ausgeht? Werden wir sehen.
Aber dieser Tag war einer, den man gern im Kopf behält: ein klarer Sieg, eine geschlossene Teamleistung, ein Spitzenbrett, das sich festbeißt, ein technischer Sieg von Migu, der Deckel drauf – und am Ende gemeinsames Feiern, weil wir wissen: Diese Saison wird eine, auf die wir mit Freude zurückschauen werden.